Von der deutsch-türkischen Begeisterung für Erdoğan

Wie oft werde ich das gefragt: „Sag mal, Alev, deine Landsleute, die hier geboren und aufgewachsen sind, die alle Vorteile der Demokratie genossen haben, wie können die einen Autokraten wie Erdoğan gut finden?!“ Tja, wenn das so einfach zu erklären wäre.

Der erste Impuls, dem ich zu widerstehen versuche, ist die Rückfrage: „Naja, wie ist es denn zu erklären, dass deine Landsleute, die hier geboren und mit Demokratie und Freiheit aufgewachsen sind, die Pegida gut finden? Oder die NPD? Und warum finden Franzosen Marine LePen gut, die Holländer Wilders, die Briten den Brexit – und die Amis haben Donald Trump gewählt? Hergottnochmal.“ Aber natürlich wäre das kindisch und keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Und schnippisch klingt es auch. Aber so eine Reaktion ist der Ermattung geschuldet, die mich überkommt, weil ich als Privatperson ungewollt stets auch Botschafterin im diplomatischen Außendienst der Türkei bin.

Zurück zum eigentlichen Thema: Erdoğans Anhänger in Deutschland. Wieso? Weshalb? Warum? Ich frage: Warum nicht? Es gibt zahllose Gründe.

Kopftuch und Kruzifix

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich eine Minderheit als solche auch wahrnimmt und sich in der Konsequenz ausgegrenzt fühlt. Das fängt in der Grundschule an, wenn die Klassenkameradin fragt: „Ist deine Mutter Kopftuchträgerin?“ Und an der Wand Jesus am Kruzifix über den Schülern schwebt. Beides für sich genommen ist nicht weiter tragisch. Der Schule sei ihr Jesus am Kreuz gegönnt, den Mitschülern ihre (berechtigte) Neugier. Die Beispiele sollen nur veranschaulichen, dass der Ausländer – unabhängig vom Fortschritt seiner Integration – von Anbeginn an von seinem Umfeld und von sich selbst als Fremdkörper wahrgenommen wird. Tragisch wird es, wenn die Grundschullehrerin entscheidet, dass die türkische Schülerin besser nicht in die Französisch-AG sollte, „denn eine zweite Fremdsprache (neben Deutsch) würde sie sicher überfordern“. Unnötig zu erwähnen, dass besagte Schülerin bereits vor der Einschulung Deutsch nicht nur fließend sprechen, sondern auch lesen und schreiben konnte.

Auch das gehört zur Wahrheit, wenn man über deutsch-türkische AKP-Anhänger spricht:  Das Thema Integration hatte jahrzehntelang niemand auf dem Schirm. Während man heutzutage schon das Wort nicht mehr hören mag, wurde dieses Thema zuvor sträflich von der Politik ignoriert. Der deutsche Staat war nie besonders gut darin, hiesigen Türken das Gefühl zu geben, sie gehörten dazu. Als der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff – und von ihm kann man halten, was man will – sagte, der Islam gehöre zu Deutschland, ging eine regelrechte Welle der Hysterie durch das Land. Und gerade die CDU war stets erpicht darauf zu betonen, dass die Türkei ja nun so gar nicht in die EU passt. Warum eigentlich nicht? Gerade zu Anfangszeiten der AKP war die Türkei der reformfreudigste Beitrittskandidat weit und breit.

Endlich einer, der uns anspricht!

Und dann kommt da ein Erdoğan daher. Endlich einer, der uns anspricht! Der sich um uns schert! Sein herausfordernder und Paroli bietender Stil imponiert. Erdoğan gibt hiesigen Türken eine Identität, die Deutschland ihnen über all die Jahre nicht geben konnte (und wollte).
Die meisten, die in den 1970ern und 80ern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, stammen aus Anatolien, gehören konservativen Kreisen an. Erdoğans islamistische Rhetorik, seine nationalistischen Akzente und auch seine persönliche Vita gefallen: Der fromme Mann von nebenan, der aus ärmsten Verhältnissen stammt und sich allen Widrigkeiten zum Trotz und gegen das Establishment an die Spitze des Staates durchboxt. Beeindruckend.

Echokammer türkischer Regierungspropaganda

Hinzu kommen hochprofessionell organisierte Parteistrukturen. Staatliche türkische Stellen, Moscheen und zahlreiche Kultureinrichtungen spielen der AKP in die Hand. Und neben den staatlichen Medien, die zu Propaganda-Apparaten der Regierung mutiert sind, darf auch die Ferne zum eigentlichen Ort des Geschehens nicht unterschätzt werden: Von Deutschland aus und mithilfe besagter Medien lässt es sich sehr gemütlich in einer Echokammer türkischer Regierungspropaganda leben – ohne von der türkischen Alltagsrealität abgelenkt zu werden. Repressionen? Sinkende Konjunktur? Arbeitslosigkeit? Oppositionelle in Haft? Davon wird man weder in Bergisch Gladbach noch im Türkeiurlaub in Antalya tangiert. Ich war im Juni 2013 bei den Gezipark-Protesten in Istanbul. Zurück in Deutschland – schockiert, paralysiert, traurig und wütend – musste ich feststellen: In Deutschland wussten die Wenigsten von der Schönheit dieses Aufbegehrens und von der Wucht seiner Zerschlagung.

Und nicht zuletzt: Wer über deutsch-türkische Begeisterung für Erdoğan sprechen will, der muss auch über deutsch-türkische Erdogan-Kritik und Desinteresse sprechen. Es ist mitnichten der Fall, dass hier lebende Türken per se AKP-Wähler sind.

Türkische Flaggen mit dem Konterfei des türkischen Präsidenten Erdogan schwenken Anhängerinnen am 06.03.2017 während einer Wahl-Veranstaltung eines türkischen AKP-Abgeordneten in einer privaten Veranstaltungshalle in Kelsterbach (Hessen). Foto: Boris Roessler/dpa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.