Doppelte Staatsbürgerschaft_Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Von abstrusen Loyalitätsvorstellungen

Er ist wieder da: Der Doppelpass. Die CDU will mit der Forderung nach einer Einschränkung der doppelten Staatsbürgerschaft in den Wahlkampf ziehen. Damit kann man schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens können all jene sich wieder beruhigen, die wegen der derzeitigen Regelung zur doppelten Staatsbürgerschaft sowieso schon hyperventilieren (Gruß nach Bayern und an die Junge Union). Zweitens kann man wieder beherzt auf Stimmenfang am rechten Rand gehen. Einigkeit zwischen CDU und CSU hier, flirty Avancen Richtung Ex-CDU-jetzt-AfD-Wähler da.

Aktueller Anlass: Der türkische Präsident wird wieder ausfallend und wirft der Kanzlerin Nazi-Methoden vor. Mit seinen Attacken auf die deutsche Politik steigt wie Phönix aus der Asche auch die Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft auf: Sie behindere die Integration. Als Grund dienen Deutsch-Türken, die schon lange in Deutschland leben und sich auf die Seite des Präsidenten stellen.

Hanebüchene Logik

Hier werden also Einzelne für das Verhalten anderer bestraft. Referenzgruppe für hiesige Erdogan-Anhänger sind alle mit deutsch-türkischem Pass. Diesem hysterischen Schrei nach einem Ende der doppelten Staatsbürgerschaft liegt eine völlig hanebüchene Logik zugrunde: Wer Erdogan zujubelt, kann sich nicht integriert haben; das muss an seiner doppelten Staatsangehörigkeit liegen; nehmen wir ihm einen seiner Pässe weg, muss er sich für ein Land entscheiden; folglich wird er ein braverer Bürger sein – welch Farce.

Schon die Prämisse ist haarsträubend: Niemand weiß, wer eigentlich die Frauen und Männer sind, die da Erdogan zujubeln. Haben sie überhaupt einen Doppelpass? Haben sie vielleicht nur einen türkischen Pass? Und – jetzt müssen CDU-Politiker ganz stark sein – was, wenn sie (nur) die deutsche Staatsangehörigkeit haben? Was macht man denn dann? Ausbürgern? (Mist, das ist leider schon Wahlkampfthema der NPD.)

Welche Loyalität? Wem gegenüber?

Aber halt, stop, ruft es schreiend aus der Union zurück: der Loyalitätskonflikt! Mein Lieblingsthema. Welcher Loyalitätskonflikt denn bitteschön? Wem gegenüber überhaupt? Dem deutschen Staat? Dem türkischen Staat? Entschuldigung, aber wenn ich nicht gerade Amtsinhaber oder Soldat bin, bin ich überhaupt niemandem Loyalität schuldig. Ich muss ein ordentlicher Bürger sein, ja. Ich muss Steuern zahlen, ja. Und wenn ich in Deutschland lebe, achte ich das Grundgesetz, den Rechtsstaat und seine freiheitlich-demokratische Ordnung. Und im besten Fall bin ich einfach ein guter Mensch. Aber auch das bleibt mir überlassen.

Wer von Loyalitäten spricht, offenbart eine fragwürdige Gesinnung. Angenommen, ich hätte die doppelte Staatsbürgerschaft (die ich nicht habe, weil ich vor 1990 geboren bin), in welcher Situation sollte ich mich nun in einem Loyalitätskonflikt zwischen Deutschland und der Türkei befinden? Bei einem Fußballländerspiel?

Es tut mir sehr leid, aber ansonsten fällt mir außer Krieg nichts ein. Ist das die Ausgangsposition, von der aus Politik betrieben wird? Befinden wir uns in den Vorbereitungen zu einem solchen Krieg?

Underdogs und hübscheTrikots

Es klingt lachhaft, doch anscheinend muss man diese Frage stellen, weil ich ansonsten nicht weiß, was diese Leute eigentlich von mir wollen mit ihren abstrusen Loyalitätsvorstellungen.

Und übrigens: Ich habe ausschließlich den türkischen Pass. In welch atemberaubenden Loyalitätskonflikten muss ich mich in den Augen einiger Politiker wohl befinden? Und wie sehr muss das wohl gegen meine Integration sprechen? Gar nicht. Ich fühle mich ziemlich integriert, pudelwohl in Deutschland, würde einem türkischen Spion keine Informationen gegen Deutschland liefern, und einem deutschen keine gegen die Türkei. Bei einem Fußballländerspiel bin ich übrigens für die Türkei, weil ich ein Herz für Underdogs habe und die türkischen Trikots hübscher sind als die deutschen.

Doppelte Staatsbürgerschaft_Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Zwei Pässe, zwei Loyalitäten, ein großes Problem? Die doppelte Staatsbürgerschaft. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

3 Gedanken zu „Von abstrusen Loyalitätsvorstellungen

  1. Echterfuffziger

    Ist es denn nicht so, das man/frau die „Staatsangehörigkeit“ von dem Land erwirbt in dem die Geburt stattfindet? Zumindest gilt/galt das für die USA so. Das Problem rührt doch daher, das die CDU es verhindert hat ein Einwanderungs-Gesetz zu erlassen. Darin könnte allerhand geregelt werden. Stattdessen wurden „Gastarbeiter“ ins Land „gelockt“ um der deutschen Industrie billige Arbeitskräfte zu besorgen, nach dem 1961 die DDR sich eingemauert hatte. Und ohne Rücksicht darauf ob diese Menschen Integrations-fähig/willig waren oder nicht. Man ging ja von der weltfremden Vorstellung aus, das diese Arbeitskräfte später wieder in Ihre Heimatländer zurück kehren würden. Pfeifendeckel, warum sollten Sie das denn tun, nach dem diese sich mehr oder weniger „integriert“ hatten. Spätestens deren Kinder wollten ja hier bleiben, und zwar unabhängig davon ob diese integrationswillig waren oder nicht. So entstanden Parallelgesellschaften von „Heimatlosen“. Nun möge auch die CDU, das von Ihr Herbeigeführte, auch „bereinigen“!
    Ich tröste mich mit der „Gnade der frühen Geburt“!

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  2. Lisa

    Der Artikel verfehlt es, klar herauszuarbeiten worum es in der Debatte eigentlich geht. Die Frage nach der doppelten Staatsbürgerschaft ist ein Feigenblatt für die Frage nach der Integrationswilligkeit und -fähigkeit in Deutschland lebender Türken. Die Frage nach dem Pass ist dabei zugegebenermaßen irrelevant, wenn jemand in einem Land lebt, in dem er sich auch nach Recht und Gesetz richtet, die Landessprache spricht und gesellschaftlich dazu gehört (dies gilt natürlich umso mehr, wenn jemand hier geboren ist).Insoweit ist auch die oben augeworfene Frage nach der Loyalität nicht so inhaltsleer wie dargestellt. Gemeint ist wohl,dass man nicht wie ein Schaf in der Herde „aus Prinzip“ einem Land,Staat oder wie auch immer „loyal“ ist. Natürlich nicht. Man hat sich aber nach den Regeln – geschrieben wie ungeschrieben – zu richten. Dies ist mitnichten eine Frage des Passes. Es ist aber eine Frage des – und das verbirgt sich letztlich hinter der Scheindebatte um die Staatsbürgerschaft -Zugehörigkeitsgefühls, die viele deutsche Staatsbürger umtreibt: Pass hin oder her- wie sehr steht man zu seiner Wahl- oder auch Geburtsheimat,wenn man (reflektiert?) den Parolen eines Präsidenten folgt,der den Präsidenten des anderen Landes und die dort geltende Regeln missachtet und leugnet?

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    1. Echterfuffziger

      Teile des Beitrages von Lisa treffen aber auch für die Deutschen zu. Die „Bürger“ im Anschlußgebiet (ex DDR) haben ja „vergleichbare“ Probleme sich im gemeinsamen Deutschland zu Recht zu finden, von Integration kann da ja auch nicht wirklich gesprochen werden. Integrieren ist etwas höchst persönliches, und setzt die Bereitschaft voraus sich einzufügen oder wenigstens anzupassen. Ich verfüge da, Gott sei Dank, über persönliche Erfahrungen. Als meine Eltern mit mir Mitte der 1950er Jahre in den deutschen Südwesten wechselten, war es ja auch so, das die „Ureinwohner“ sich bedroht fühlten. So fragten mich damals erwachsene Männer, ob ich wüsste wenn der „Russe“ kommt ? Und der sächsische Dialekt war ja regelrecht ein Kainsmal. Was war meine persönliche Konsequenz darauf? Ich eignete mir den „neuen“ Dialekt an, um solchen und ähnlichen Fragen aus dem Wege zu gehen. 10 Jahre nach der Wende kehrte ich in meine „Geburtsheimat“ zurück und erlebte Vergleichbares wie 45 Jahre zu vor im Westen.Ich kann mich nur schwer des Verdacht’s erwehren, das Deutschland immer noch ein zerrissenes Land ist. Die Überwindung derTrennung wird vermutlich genau so lange dauern wie die Trennung selbst. Das bei der letzten Landtagswahl in Sachsen nur ca. 50% der Wahlberechtigten an der Wahl teilgenommen haben ist doch „Beweis“ genug.
      Wie sollen sich Türken in so einer „Gemeinschaft“ heimisch fühlen können?

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