Von Referenden und Reifeprüfungen

Der 16. April 2017 ist ein Schicksalstag für die Türkei. Es ist der Tag, an dem sich die Türken beweisen müssen. Es ist der Tag ihrer Reifeprüfung. Sind sie willens, mündige Staatsbürger zu sein? Sich für die Demokratie und gegen einen patriarchalischen, bevormundenden Vater-Staat zu entscheiden?

Der 16. April ist der Tag, an dem das türkische Volk gefragt wird: Und, was ist nun mit Euch? Wollt ihr eine Demokratie oder nur ihre blasse Karikatur? Bisher waren sie in der bequemen Position, in einer mal mehr mal minder gut funktionierenden Demokratie zu leben, über deren Einführung ein Einzelner entschieden hat: Mustafa Kemal Atatürk. Nun will ein Einzelner sie wieder abschaffen. Quo vadis, Türkei?

Ich war in Hamburg, um meine Stimme im türkischen Generalkonsulat abzugeben. Ich war angespannt. Wochen, ja Monate, nachdem die Türkei, die AKP-Regierung und natürlich Recep Tayyip Erdoğan die öffentliche Debatte bestimmt hatten, war ich nun auf dem Weg in „ihr Gebiet“. Ein eigentlich seltsamer Gedanke. Aber seit die AKP an der Macht ist, ist eine Unterscheidung zwischen Staat und Regierung nahezu unmöglich. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde – persönlich und beruflich. Würde ich mich fremd fühlen? In „meinem“ Konsulat? Würden sie mich überhaupt wählen lassen? Nach täglichen Breaking News über ausspionierende Geheimdienst-Mitarbeiter und Imame, über eingesperrte Journalisten und Problemen bei der Einreise, mutiert der Staat in der Vorstellung zu einem kafkaesken Willkür-Apparat: Man ist auf alles gefasst. Außerdem mein journalistischer Anspruch, mit dem ich dort war. Werden die Menschen mit mir reden? Namen nennen und sich fotografieren lassen? Wie werden die Angestellten des Konsulats auf meine Fragen reagieren?

In Hamburg-Rotherbaum

Das Konsulat ist nur wenige Meter von der Akademie für Publizistik entfernt, der Hamburger Stadtteil Rotherbaum gehört zu den mir bekanntesten in ganz Hamburg. Zu meiner Überraschung herrschte eine feierliche Stimmung. Es war viel los – genau so viel, dass man sagen konnte ‚Oh, hier ist aber was los‘, aber nicht so viel, dass es frustrierte.

„Der Geschmack des Hasses ist wieder salonfähig geworden. Irgendwie spinnen die Menschen im Moment.“ – Handan Cav, 69.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Familie Akşahin aus Lübeck stimmt gegen die Verfassungsänderung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich unterhielt mich mit Wahlhelfern aller Parteien, mit jungen Hamburgern, mit alten Schleswig-Holsteinern, mit Familien aus Lübeck. Die Zukunft der Türkei wurde hier in Hamburg vor der Tesdorpfstraße 18 ausgehandelt.

Die meiste Menschen, die ich traf, erzählten mir voll Siegesfreude, wie sie soeben gegen die Verfassungsänderung gestimmt hatten. Sie strahlten, sie lachten, es lag Aufbruchstimmung in der Luft. Als Frauen mit Kopftuch erzählten, sie hätten mit Nein abgestimmt und würden beten, dass es eine Mehrheit gegen die Verfassungsänderung geben würde, schämte ich mich für meine Vorurteile.

Nach Befürwortern der Verfassungsreform musste ich suchen. Ich fand sie. „Natürlich sage ich Ja, Ja sagen bedeutet immer etwas Positives, etwas Gutes“, sagte etwa Kadir Sekmenoglu. „Ich glaube, dass wir dann ein stärkeres Land sein werden, in das sich nicht mehr jeder einmischen kann.“ Ich fragte ihn, ob er in der Verfassungsänderung keinen Abkehr von demokratischen Prinzipien sehe, einen Ein-Mann-Staat? „Es geht hier nicht um Erdoğan. Es wird auch nicht für immer regieren, und dann kommt der nächste. Mir geht es um das System, nicht um die Person“, antwortete er. Fotografieren lassen wollte er sich nicht.

Ein blasses Stück Papier, das über die Zukunft der Türkei entscheidet. Evet oder hayır? Foto: Peter Steffen/dpa

Ich bin ehrlich: Ich sah die Türkei bereits verloren – mit einer Mehrheit für die Verfassungsänderung in Richtung eines Sultanats davonschwinden. In Hamburg habe ich wieder Hoffnung geschöpft – ob begründet oder nicht. Die Menschen waren kampfeslustig, sie sprachen mit Verve, mit Mut, mit Zuversicht. Manchmal auch mit Angst, weil sie nicht wussten, was sie tun würden, sollte das Ergebnis gegen sie sprechen. Türkische Hamburgerinnen sorgten sich um Frauenrechte, Aleviten um ihre Freiheit, Kurden um ihre Teilhabe, junge Menschen um die Demokratie im Allgemeinen, ältere Menschen warnten vor einer Glorifizierung des Osmanischen Reiches.

Das Nein-Lager, ein Mosaik

Irgendwann dachte ich: Wenn Leo Tolstoi einen Text über das Referendum in der Türkei schreiben müsste, würde er ihn vielleicht mit folgendem Satz beginnen: Jeder Ja-Sager ist einander ähnlich, jeder Nein-Sager hat seine eigenen Gründe, Nein zu sagen.

Das Ja-Lager will Erdogan, will die AKP, will einen vermeintlich starken Staat.

Das Nein-Lager ist faserig, wie ein Mosaik besteht aus verschiedenen unterschiedlichen Partikularinteressen. Es gibt keinen Leader, keinen Dachverband, keine einende Idee. Was sie eint, ist, dass sie etwas nicht wollen. Das ist ihr Nachteil und Vorteil zugleich. Dass sich diese Gruppe aus einer Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Wünsche und Ziele zusammensetzt, macht sie durchlässiger. Es gibt keine Hierarchie, der man sich unterordnen, kein ideologisches Korsett, in das man sich hineinzwängen muss. Schon ein mulmiges Gefühl reicht aus, um dem Nein-Lager anzugehören.

Kann ich nun abschätzen, wie das Referendum ausgehen wird? Nein. Die junge, rebellische Zivilgesellschaft, die es in der Türkei noch gibt, die bereits zu Gezipark-Protesten ihr Haupt erhoben hat, macht mir aber Hoffnung.

Dann fällt mir etwas ein, was mir in Hamburg doch noch ein ungutes Gefühl bereitet hat: „Es wird Nein rauskommen. Ich bin mir sicher. Das Gegenteil ist nicht möglich. Das Gegenteil kann nicht geschehen.“ Der Lübecker Mehmet Akşahin hatte seine Erwartung immer wieder neu, immer wieder schärfer formuliert. Es war Trotz und der Unwille, Gegenteiliges zu glauben, herauszuhören. Und plötzlich fielen mir die Amerikaner vor der Präsidentschaftswahl ein: „Donald Trump wird nicht Präsident, weil so etwas nicht passieren kann“, hatten sie gesagt.

Um beim Bild der Reifeprüfung zu bleiben: In Sachen Demokratie hatten die Amerikaner länger die Schulbank gedrückt als die Türken.

Eine Anhängerin der größten türkischen Oppositionspartei, der Republikanischen Volkspartei CHP, verteilt in Istanbul Handzettel mit der Aufschrift „Hayır“ („Nein“). Foto: Michael Kappeler/dpa

2 Gedanken zu „Von Referenden und Reifeprüfungen

  1. Falke

    Lieber Herr Erdogan, da ich davon ausgehen möchte daß Sie auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut sind so wie wir alle geschaffen wurden von unserem Universum wurden Sie doch auch mit Gefühlen geboren. Sie haben sich bestimmt auch gefreut wenn Sie zu Ihrer Mutter oder Ihrem Vater zurückkommen konnten mit einer Umarmung und Küsschen. Welch ein schönes Gefühl das ist. Aus diesem Grunde kann ich nicht nachvollziehen was Sie anderen Menschen an Leid , Schmerzen in der Seele einer Mutter oder eines Vaters aber auch des Inhaftierten schlimmes antun, nur weil Sie und nur Sie glauben diese Menschen hätten ein Verbrechen begangen. Nein haben diese Menschen nicht. Sie einzig und allein begehen ein Verbrechen an der Menschlichlichkeit. Dafür wird Sie Ihr Gott den Sie glauben zu verehren in wirklichkeit aber hintergehen und verleumden irgenwann sehr sehr hart bestrafen denn so will es die Gerechtigkeit und so wird es auch geschehen. Doch ist es nie zu spät seine Fehler einzugestehen dafür muss mann aber stark sein und andere Menschen die Leiden nicht als Wimmerer dahinzustellen, gehen Sie zurück zu Ihrem Ursprung als Sie mit großer Hochachtung die Geschicke Ihres Landes gr0ßartig gemeistert haben und nehmen Sie Abstand von der Gier alles beherrschen zu wollen denn das ist nicht der Koran den Sie im Augenblick leben.

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    1. mike

      es erinnert an ein Zitat, dass sich durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte immer wieder bewiesen hat:
      “ Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut . „Grosse“ Männer sind fast immer schlechte Männer“
      Ob im antiken Rom (caesaren ernannten sich zu Göttern)- Napoleon machte sich mal eben zum Kaiser von Hiller ganz zu schweigen.
      Den meisten Menschen bekommt zu viel Aufmerksamkeit nicht gut. Wenn man oft genug gesagt bekommt, dass man der beste ist glaubt man es auch irgendwann

      „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely.
      Great men are almost always bad men.“ Lord Acton

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