Von Resignation und Hoffnungsschimmer

Ein bisschen ist es wie nach einer durchzechten Nacht. Es ist einem flau im Magen, man möchte nicht angesprochen werden, nicht an die vergangene Nacht denken. Eigentlich möchte man einfach nur weg. Doch je länger man versucht, es zu verdrängen, umso penetranter verselbstständigen sich die Bilder der Enttäuschung.

Ein Balkendiagramm, das zeigt: 51,3 Prozent „Evet“ (Ja), 48,7 Prozent „Hayir“ (Nein); Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, wie er vor dem offiziellen Ergebnis sich von seinen Anhängern feiern lässt und das „Ja“-Lager zum Sieger erklärt; Polizisten, die Demonstranten festnehmen, und die für mich bitterste Statistik des Referendums: Beinahe zwei Drittel der Türken in Deutschland haben für das Präsidialsystem gestimmt.

Jedes Wort des Unmuts, der Wut, der Frustration scheint mir unangemessen angesichts derer, die nun in einer Türkei leben müssen, die nicht mehr die ihre ist. Angesichts derer, die die Bürger dieser neuen Türkei spielen müssen. In einem Staat, dessen Präsident sofort nach seinem Wahlsieg als nächste Etappe die Wiedereinführung der Todesstrafe verspricht. Erdoğan in seiner Lieblingsdisziplin: Das Streben nach maximaler Konfrontation.

48,7 Prozent der Türken – so diese Zahl nicht manipuliert ist – haben sich gegen die Verfassungsänderung ausgesprochen. Das ist die knappe Hälfte einer ganzen Bevölkerung. Und an der kann und darf ein Regierungschef nicht vorbeiregieren. Kein Staatsoberhaupt kann es sich auf Dauer leisten, die Hälfte des Volkes links liegen zu lassen, sondern muss sich ihrer annehmen, muss versuchen, sie in dieser Zeit der Veränderung zu integrieren. Doch was macht Erdoğan? Er vertieft die Gräben zwischen den Lagern. Er trennt, wo er einen müsste, provoziert, wo er Frieden stiften müsste. Innehalten kommt nicht in Frage. Warum? Weil er sich gehetzt fühlt.

Die Metropolen sagen Nein

In den drei größten Städten des Landes – İstanbul, İzmir und Ankara – sprach sich die Mehrheit der Menschen gegen das Präsidialsystem aus. Erstmals nach 23 Jahren hat Erdoğan die Mehrheit in Istanbul verloren. Seit 1994 als Bürgermeister und später mit der von ihm mitgegründeten Regierungspartei stand die AKP dort immer an erster Stelle. Deswegen ist die knappe Mehrheit durch Unterdrückung von Gegenstimmen kein wirklicher Sieg, eigentlich ist es eine Niederlage.

Ich war deprimiert am Morgen danach. Ich konnte nicht verstehen, warum Menschen die Zukunft ihres Landes in die Hände eines Einzelnen gaben. Wenn Aufklärung der Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist, dann ist das, was die Anhänger Erdoğans tun, das Gegenteil davon. Im Falle der Deutsch-Türken ist dieses Verhalten besonders grotesk, weil Menschen, die in einer Demokratie leben, sich an der Abschaffung der Demokratie in einem anderen Land beteiligen.

Ich rief meinen Onkel an. Er lebt in Istanbul. Ich erhoffte mir seinen Beistand. Ich erwartete eine seiner intelligenten, zynischen Beobachtungen, die den Finger auf die Wunde legen, und witzig genug waren, um nicht in Depressionen zu geraten. Meine Wut und Frustration liefen bei ihm jedoch ins Leere. Statt gemeinsam unser Leid zu beklagen, hörte ich zaghafte Zuversicht in seinen Worten. Eine Fifty-Fifty-Entscheidung sei kein Grund, die Hoffnung aufzugeben, sagte er.

Hoffnung oder Resignation?

Er ist den Kampf gewohnt, dachte ich nach dem Telefonat. Für Menschen wie ihn, kommt aufgeben nicht in Frage. In jeder noch so misslichen Lage finden sie den einen noch so blassen Hoffnungsschimmer, der fortan die Marschrichtung vorgibt. Ehrlich gesagt habe ich Schwierigkeiten, diesen Hoffnungsschimmer zu erkennen. Ich frage mich, ob es wirklich Hoffnung ist, die aus Menschen wie meinem Onkel spricht, oder Resignation. 

So oder so, die Devise muss lauten: Kopf hoch und weiter machen. Wir alle sollten unsere Aufmerksamkeit nun dem Problem, nicht seinem Symptom widmen. Erdogan ist ein Symptom. Dass 63,1 Prozent der in Deutschland lebenden Türken seiner autoritären Linie folgen, das ist ein Problem.

Und immer noch rufen sie „Hayır“._Foto: Emrah Gurel/AP/dpa

2 Gedanken zu „Von Resignation und Hoffnungsschimmer

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