Solidarität mit den Teilnehmern am "Marsch für Gerechtigkeit" in der Türkei: "adalet" (Gerechtigkeit) und "justice" steht am 09.07.2017 in Berlin auf den Schildern der Demonstranten vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Foto: Paul Zinken/dpa

Von Reißleinen und falschem Gehorsam

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

Wie einem an Depression erkrankten Patienten kann man ihr dabei zusehen, wie sie von Tag zu Tag abbaut – und das rasend schnell. Manch ein Dekret lässt auf Suizidgedanken schließen. Wie geht man mit so jemandem im Freundeskreis um? Man wartet ab. Und wartet ab. Und sagt dann aber: Du musst dir Hilfe suchen. So geht es nicht mehr weiter.

Deutschland – das Auswärtige Amt unter Sigmar Gabriel im Besonderen – hat nun die Reißleine gezogen. Das ist schmerzlich, tut weh – und ist gut so.

Politische Distanz, zivilgesellschaftliche Annäherung

Es hat keinen Sinn mehr, so zu tun, als sei das, was Recep Tayyip Erdoğan in seinem Amt veranstaltet, auch nur annähernd hinnehmbar. Die Zeiten, in denen es taktisch klug war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich ja nicht provozieren zu lassen, sind vorbei. Denn seien wir ganz ehrlich: Es nützt nichts mehr. Erdoğan hat die Schraube überdreht. Glasklar muss ihm kommuniziert werden: Ganz ehrlich, wir haben keine Lust mehr. So funktioniert das nicht. Komm wieder (hoffentlich, bitte nicht), wenn du dich wieder eingekriegt hast.

Und hier, an genau dieser Stelle, kommt der Casus knacksus: Es geht uns um dich und deine Politik – nicht um die Türken per se.

Um sich von Erdoğan eben nicht instrumentalisieren zu lassen (Die Deutschen mögen uns nicht), muss im gleichen Schritt der Zivilbevölkerung ein Zugeständnis gemacht werden. Bildungsabkommen, Städtepartnerschaften und vor allem: vereinfachte Einreise in die EU, zumindest aber nach Deutschland. Denn die derzeitigen Hürden, um als Türke nach Deutschland zu kommen, sind entwürdigend, unverhältnismäßig und nicht tragbar. Als mein Onkel mich mit seiner Frau vor zwei Jahren besuchen wollte – es stand eine große Familienfeier an – musste ich ihm eine amtliche Einladung schicken. In der musste ich den deutschen Behörden bis ins kleinste Detail erklären, warum mein Onkel uns besuchen will, wie er herkommt, wann er wieder abreist, wo er während seiner Zeit in Deutschland bleibt. Darüber hinaus musste ich mit meinen Gehaltsabrechnungen der vergangenen sechs Monate nachweisen, dass ich auch ja genug verdiene, um ihn notfalls mit durchzuschleppen. Ebenso musste mein Onkel nachweisen, wie viel Kapital er hat, was er monatlich verdient. Schließlich hat man ja genug Schmarotzer hier, da muss man sich nicht noch weitere importieren.

Dieses Benehmen ist stillos und lässt sich durch nichts rechtfertigen. Ein einfaches Touristenvisum würde nämlich reichen: Zwei Monate, meinetwegen ein Monat touristischer Aufenthalt. Mit diesem Kniff kann man das gesamte Narrativ der türkischen Regierung umkehren: Nee, wir mögen nicht euch nicht, wir mögen nur dich, Recep Tayyip Erdoğan, und deinesgleichen nicht.

Wir im Schoß der Sicherheit

Und was uns Türken hier in Deutschland angeht: Jeder Versuch, die derzeitige Regierungspolitik zu verteidigen, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht all der Personen, die in der Türkei unter dieser Regierung leiden. Tag für Tag und ganz real. Es ist kein Zeichen der Loyalität dem Heimatland gegenüber, Rechtfertigungen für diese Regierung zu suchen. Im Gegenteil, es ist die Teilnahme an dem fatalen Prozess, dieses Land vollends zu zerstören. Ein gesunder Patriotismus ist nicht gleichbedeutend mit dem Gehorsam gegenüber einer Regierung. Manchmal bedeutet es auch, sein Land gegen seine Regierung zu verteidigen. Und gerade wir, die wir im Schoß der deutschen Sicherheit sitzen, gerade wir können uns die Kritik sogar leisten, ohne Angst haben zu müssen, dass am nächsten Tag die Polizei vor der Tür steht. Wer das nicht tut, macht sich mitschuldig am Tod der Türkischen Republik.

Solidarität mit den Teilnehmern am "Marsch für Gerechtigkeit" in der Türkei: "adalet" (Gerechtigkeit) und "justice" steht am 09.07.2017 in Berlin auf den Schildern der Demonstranten vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Foto: Paul Zinken/dpa

Solidarität mit den Teilnehmern am „Marsch für Gerechtigkeit“ in der Türkei: „adalet“ (Gerechtigkeit) und „justice“ steht am 09.07.2017 in Berlin auf den Schildern der Demonstranten vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Foto: Paul Zinken/dpa

Ein Gedanke zu „Von Reißleinen und falschem Gehorsam

  1. Fred

    Wenn Ihnen das zuviel an Aufwand bedeutete: Warum sind Sie nicht in die Türkei geflogen? Und ein eindeutiges bekenntnis zum GG der Bundesrepublik Deutschland würde derlei Probleme schon um 50% verringern…

    Antworten

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